Benachrichtigungen
Alles löschen

Zu früh ins Leben gestartet….

Antoinette
(@antoinette)
Mitglied Moderator

Mein Leben habe ich 3 Monate zu früh gestartet. Viel zu leicht und zu klein musste ich die ersten 3 Monate im Brutkasten verbringen. Meine Eltern durften mich nur einmal in der Woche besuchen, aber nur durch ein Fenster durften sie mich sehen.

Vermutlich habe ich mein Gehör kurz vor der Geburt verloren wegen einem Antibiotikum, das meine Mutter nehmen musste. Dieses Antibiotikum hat, wie erst viel später bemerkt wurde, vielen Kindern das Gehör geschädigt.

Mit 3 1/2 Jahren hat man erst festgestellt, dass ich fast nichts höre und mit 4 Jahren bekam ich meine 1. Taschenhörgeräte. Aber sehr bald auch schon die 1. Hörgeräte für Hinter den Ohren , HdO - Geräte . 

Meine Schulzeit verbrachte ich integriert in der Regelschule ohne jegliche Versorgung mit FM-Anlage. Wieso man mir damals keine zur Verfügung stand, ist mir ein Rätsel. Es gab damals nämlich schon diese Hilfe, wie ich viele Jahre später bemerkte.

Ich ging nie gerne in die Schule und ich war auch nicht gut integriert. Ich war keine brave Schülerin und musste viel vor die Tür…es war mir wohl langweilig, weil ich nicht viel verstand. Viele Jahre später sagte  mir mein Lehrer, der selber schwerhörig geworden ist, dass er mich verstehe, warum ich im Unterricht störte. Komischerweise mag ich mich gar nicht mehr so daran erinnern. 

Es gab viel Kämpfe um Anerkennung und Rücksichtnahme während meiner Ausbildung , zuerst in der Handelsschule und später auch in der Ausbildung zur Ergotherapeutin. Es gab Lehrer, die glaubten mir nicht, dass ich Hörbehindert bin. Es war mühsam und mit vielen Schikanen verbunden. Heute würde das zum Glück nicht mehr passieren. 

Ich fühlte mich oft alleine und kannte bis 25 Jahren keine Hörbehinderte. Zum Glück habe ich dann Kontakte knüpfen können mit dem Jugendvorstand vom BSSV (ehemals pro audito Schweiz) . Ich bin immer noch mit diesen 1. Kontakte verbunden.

Dann habe ich mit 5 andern Hörbehinderten jugehörig (www.jugehörig.ch) gegründet und letztes Jahr feierten wir das 25 jährige Jubiläum. Es kamen viele neue Kontakte dazu, die mein Leben als Hörbehindert einfacher machten. Der Austausch gibt mir bis heute viel Kraft und Energie. 

Vor 14 Jahren bekam ich mein 1. CI weil ich mit meinem Hörverlust von 98% wirklich fast nichts mehr hörte, zwei Jahre später das 2.CI. Als Alleinerziehende von 3 Kindern war ich sehr dankbar, um das bessere Hören mit den CI‘s. Auch beruflich konnte ich mich besser entfalten. 

Schon früh habe ich selbständig als Ergotherapeutin in einer Gemeinschaftpraxis gearbeitet. Weil ich mit den CI‘s besser hören kann, konnte ich auch noch eine weitere Ausbildung zur Neurofeedbacktherapeutin in Angriff nehmen. Heute habe ich 2 Praxen und arbeite sehr gerne auf meinen Berufen. Das gibt mir viel Erfüllung.

Meine Kinder sind noch in der Ausbildung und 2 wohnen nicht mehr zu Hause. Wir haben sehr regen und guten Kontakt. Das bedeutet mir unheimlich viel. 

Wenn ich zurück schaue, denke ich, dass auch die Schwierigkeiten wegen meiner Hörbehinderung viel Positives gebracht haben. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, den ich heute bin und das ist gut so. 

 

 

 

 

Seit 1970 auf Erden, ab Geburt schwerhörig, 2 CI‘s Med-El (2009/2011)

Zitat
Themenstarter Veröffentlicht : 27.05.2024 11:30
Nicole * reacted
(@burgfeld3006)
Mitglied

Hallo  Antoinette, wow ein guter Bericht , dass was du geschrieben hast , nennt man heute Mobbing . Komisch , dass solche schule nicht reagiert haben und hilfsmittel bereitgestellt haben. Gab doch sicher auch Schwerhörigenschule ,  Landenhof , in Basel , damals Bern auch . Es ist gut , dass du es geschafft hast und heute zufrieden bist . Gibt sicher auch viele , die in einer normalen Schule gegangen sind und nichts wissen , dass es noch andere gibt , die auch hörbehindert sind. Sollte heute alles besser laufen und informiert sein .??

AntwortZitat
Veröffentlicht : 05.06.2024 10:44
Antoinette
(@antoinette)
Mitglied Moderator

Hallo Burgfeld3006, du hast Recht, ich kann’s auch nicht verstehen warum man mich oder meine Eltern nicht über das Angebot informiert hat. Ich wäre vermutlich im Landenhof besser aufgehoben gewesen als in der Regelschule. Aber damals wusste es man nicht besser und hat gedacht, ich sei gut integriert! 

Meine Altersgruppe wurde damals neu integriert eingeschult und vermutlich ein bisschen zu stark uns überlassen. Herr W. , Audiopädagoge  kam jedes Jahr einmal vorbei, kurzer Schulbesuch: Wie gehts? Gut….an mehr mag ich mich nicht erinnern. Leider kann ich meine Eltern nicht mehr fragen, wie es genau gegangen ist. 

Seit 1970 auf Erden, ab Geburt schwerhörig, 2 CI‘s Med-El (2009/2011)

AntwortZitat
Themenstarter Veröffentlicht : 06.06.2024 08:25